Kyokushin-Karate ist ein relativ junger Karatestil, der von Masutatsu Oyama in den 50′er Jahren des 20. Jahrhunderts begründet worden ist. Seine Organisation zersplitterte nach seinem Tod in mehrere konkurrierende Teile.
Kyokushin-Karate betont anders als andere Karatestile nicht in erster Linie die äußere Form der Techniken sondern Kampfgeist, Kraft und Härte. Aus diesem Grund tritt das Üben der Kata gegenüber den Kampfübungen in den Hintergrund. Wiederum anders als in anderen Karatestilen beginnen im Kyokushinkai auch schon Anfänger relativ bald mit Freikampfübungen.
Das Training im Kyokushinkai ist, wie gesagt, auf Kampfgeist, Kraft und Härte ausgelegt. Im Dojo geht es deshalb darum ständig die eigenen körperlichen Möglichkeiten auszureizen und weiterzutreiben. Techniken werden grundsätzlich mit Kiai und in sehr zahlreichen Wiederholungen ausgeübt. Ziel ist es, nicht nur die Kondition zu verbessern, sondern auch mental in der Lage zu sein, den inneren Schweinehund schlicht und einfach in den Arsch zu treten.Das spiegelt sich auch in der Art und Weise, wie Lehrgänge abgehalten werden, die finden recht häufig im Freien statt, man joggt dann durch den Wald, hüpft im Liegestütz Erdhügel rauf und runter, kämpft im Wasser, haut sich die Hände an Bäumen blutig etc. Ich habe allerdings auch schon mal im Winter barfuß draußen trainiert.
In Prüfungen wird die Fähigkeit durchzuhalten getestet. Alle Prüflinge beginnen gleichzeitig und machen das Prüfungsprogramm bis zu ihrem angestrebten Grad mit. Das bedeutet, daß man durchaus auch schon für einen mittleren Schülergrad seine vier bis fünf Stunden auf der Matte stehen und rumbrüllen darf.
Kämpfen wird im Kyokushinkai als selbstverständliche Überprüfung der eigenen Kampfstärke und des eigenen Kampfgeistes betrachtet. Man kann im Kyokushin-Karate Kämpfen nicht vermeiden, und wenn man die Altersgrenze von ca. Anfang 20 noch nicht überschritten hat, muß man auch in Wettkämpfen antreten, wenn man überhaupt einen Dan machen will. Im Training geht es natürlich nicht darum, den Partner niederzukloppen, aber auch das Sparring im Dojo erfolgt mit Kontakt und kann schmerzhaft sein.(Besonders an den Schienbeinen.)
Die Knockdown-Wettkämpfe heißen so, weil es darum geht, den Gegner niederzuschlagen. Die Kyokushin-Wettkampfregeln sind relativ einfach. Faust- und Ellenbogentechniken sind zum Körper erlaubt, Fuß- und Knietechniken zum Körper und zum Kopf. Es gibt Lowkicks. Festhalten und Werfen gibt es dagegen nicht. An Schützern gibt es Tiefschutz, sowie für die Anfänger-Klasse Schienbeinschützer, für die Damen zusätzlich noch einen Brustschutz. Punkt. Kämpfe gehen maximal über drei Runden à drei Minuten. Sieger des Kampfes ist, wer entweder einen Ippon erzielt oder wer als einziger einen Wazaari schafft. Ein Ippon definiert sich dadurch, daß man drei Sekunden lang kampfunfähig ist. (Also vom KO bis zum auf dem Boden rumrollen und “Aua! Aua!” sagen alles.) Ein Wazaari ist ein sichtbarer Wirkungstreffer. Technik ist also relativ piepenhagen - man kann einen technisch noch so schönen “jetzt wär’st du tot gewesen”- Fauststoß in den Gegner brezeln, wenn dem’s aber egal ist, dann ist es leider auch dem Kampfrichter egal und nicht mal einen halben Punkt wert
Kyokushin-Karate und besonders die Kämpfe in diesem Karate sind ästhetisch nicht besonders schön. Die Mentalität hinter Kyokushin hat diesem Karatestil das Image eines “Klopper-Karate” verliehen, was wohl nicht ganz falsch ist. Andererseits macht dieses Karate tierisch Spaß Vielleicht nicht für jeden das richtige ist die strikte Disziplin im Kyokushin-Kai. Die Umgangsformen, vor allem Danträgern gegenüber, sind sehr strikt, das Verhalten im Dojo geht schon sehr deutlich in Richtung militärischen Drills. Mir persönlich gefällt es ja, wenn ein Karate-Training nicht zur Schwatzkasperveranstaltung verkommt (”Wo sind denn die neuen Vereinsaufnäher?”), und ich bin durch vier Jahre Bundeswehr auch schlicht und einfach an gewisse Verhaltensweisen gewöhnt. Aber das ist, wie gesagt, vielleicht nicht jedermanns Sache.
Interessanterweise ist übrigens der Frauenanteil in Deutschland in den Vereinen relativ hoch, was man eigentlich bei einem Vollkontaktstil nicht erwarten würde.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors, © by Nele Abels